Gaza-Stadt ist durch die israelischen Bombardements fast völlig zerstört worden.
dpa/AP/Jehad Alshrafi

Inmitten des Krieges scheint Israels Linke langsam aufzuwachen

Gil Shohat - nd

Nur ein jüdisch-palästinensisches Bündnis kann unteilbare Gerechtigkeit für alle Israelis erreichen

Am Beginn steht die Frage: Warum über die israelische Linke schreiben? Eine Linke, die einem fast zwei Jahre andauernden zerstörerischen, genozidalen Krieg gegen die Palästinenser*innen im Gazastreifen nichts entgegensetzen konnte – einem Krieg mit offiziell über 60 000 Toten und einer sich nun ausbreitenden und immer weiter verschärfenden Hungersnot? Eine Linke, die es offensichtlich nicht vermocht hat, der israelischen Gesellschaft eine Vision und ein politisches Programm aufzuzeigen, eine Alternative zu den Rachegelüsten der Bevölkerung nach dem Schock vom 7. Oktober 2023? Eine Linke, die die Aufmerksamkeit fortschrittlicher Kräfte in Europa hat, jedoch gleichzeitig zu Hause völlig dezimiert ist und ums sprichwörtliche Überleben kämpft?

Zunächst ist es ihre Standhaftigkeit, ihre Prinzipientreue und Ausdauer, die einen Ankerpunkt bietet, um dem Strudel der Normalisierung und Veralltäglichung »unseres Genozids« (so der Titel eines kürzlich veröffentlichten Untersuchungsberichts der israelischen Menschenrechtsorganisation B’tselem) zu entkommen . . .   mehr