»Ein gutes Leben für alle – das geht ohne Wachstum«
Kostenloser Nahverkehr wie in Städten Brasiliens, Obergrenzen für Einkommen: Der Forscher Matthias Schmelzer über einen sozial-ökologischen Umbau, der nicht zulasten ärmerer Menschen geht
Wirtschaftswachstum ist ein zentrales Ziel von praktisch allen Regierungen. Sie sagen nun: Die Wirtschaft muss gar nicht wachsen, damit alle Menschen gut leben können. Wie kommen Sie darauf?
Im Kern gibt es drei Gründe, die für eine Abkehr von wachstumsorientierten Gesellschaften sprechen. Erstens ist es nicht möglich, mit weiterem Wirtschaftswachstum Klima und Umwelt zu schützen und eine lebenswerte Zukunft für Menschen zu erhalten. Zweitens zeigt die Wohlfahrtsforschung, dass trotz Wirtschaftswachstums das subjektive Wohlbefinden in vielen westlichen Gesellschaften seit den 80er Jahren stagniert oder sogar rückläufig ist. Das Gleiche gilt für objektive Indikatoren zum Wohlergehen. Das heißt: Es gibt Wachstum, aber das Leben wird nicht besser, seit Jahrzehnten.
Und drittens?
In vielen industrialisierten Gesellschaften, in Japan und auch in Europa, gibt es einen langfristigen Trend, der in den Wirtschaftswissenschaften als säkulare Stagnation diskutiert wird: Die Wachstumsraten gehen kontinuierlich zurück, von teils über sieben Prozent in der unmittelbaren Nachkriegszeit auf mittlerweile Null bis ein Prozent. Die Wirtschaft wächst also vielerorts ohnehin kaum noch. Diese drei Gründe sind starke Argumente dafür, wachstumsabhängige Gesellschaften auch aus einer vorsorgeorientierten Perspektive so umzubauen, dass sie ohne Wachstum auskommen und auch unter Bedingungen ökonomischer Stagnation Ziele wie Gleichheit und Wohlergehen erreichen können … mehr

