Ostermarsch in Ludwigsfelde
Ein bemerkenswerter Redebeitrag von Stefan vom Arbeitskreis Zwangsarbeit gedenken:
Hallo Ludwigsfelde, liebe Freundinnen, liebe Freunde, liebe Mitstreiter*innen,
ich freue mich, dass ich heute hier sein darf. Das ist keine Floskel, sondern dass heute hier in Ludwigsfelde ein Ostermarsch stattfindet, berührt mich. Das hat mit Ludwigsfelde zu tun.
Warum freut mich das also mehr als an anderen Orten, in denen es heute oder nächste Woche Ostermärsche gibt?
Ich bin Mitglied im Arbeitskreis (AK) Zwangsarbeit gedenken. Dort engagieren sich Menschen aus der Region für die Erinnerung an Krieg und Gewalt während der NS-Herrschaft in Ludwigsfelde.
In Ludwigsfelde haben wir uns daran gewöhnt, Ludwigsfelde als Automobilbauerstadt zu sehen. Es gab sogar mal ein Schild mit dieser Aufschrift: „Automobilbauerstadt Ludwigsfelde“. Aber, das ist nicht mal die halbe Wahrheit. Nicht der Autobau, der Krieg stand an der Wiege von Ludwigsfelde. Ohne den II. Weltkrieg wäre Ludwigsfelde nicht die stolze Industriestadt. Die Stadt wie wir sie heute kennen gäbe es nicht. Nicht die Holzhaussiedlung. Nicht die Grimmschule. Aber eben auch nicht die Industriebetriebe, die nach 1945 hier angesiedelt wurden. Sei es das IWL, das IFA-Werk oder später MTU und Daimler-Benz.
Deswegen könnten wir eigentlich eins wissen:
Wie schnell es geht, einen Krieg vorzubereiten.
1933 war Ludwigsfelde ein Dorf. Drei Jahre später 1936 stand hier eines der größten Luftüstungsunternehmen Deutschlands. Nochmal drei Jahre später warfen bereits deutsche Bomber mit Motoren aus Ludwigsfelde Bomben auf Polen. Flugzeuge mit Motoren aus Ludwigsfelde griffen die Niederlanden an, legten Städte in Belgien und der Ukraine in Schutt und Asche. Sie kippten Bomben in der Schlacht um Moskau aus und flogen im Feldzug der nationalsozialistischen Wehrmacht in Nordafrika.
Soldaten, die diese Flugzeuge flogen, hoben ab in Jüterbog, in Schönefeld und in Rangsdorf.
Deshalb berührt es mich wenn Menschen hier für den Frieden und gegen Krieg eintreten. Mit den Motoren aus Ludwigsfelde wurde nicht nur der Tod nach ganz Europa geflogen. Für die Herstellung der Motoren in Ludwigsfelde hat man aus ganz Europa Menschen nach Ludwigsfelde verschleppt. Verschleppt um die Kriegsindustrie am Laufen zu halten.
Als AK Zwangsarbeit gedenken, erinnern wir an die mehr als zehntausend Frauen und Männer, die in Ludwigsfelde in Zwangsarbeit ausgebeutetet wurden. Sie haben Spuren in der Stadt hinterlassen. Aber diese Spuren sind verblasst. Was sie auf unserem bisherigen Weg nämlich nicht gesehen haben:
Wir sind am Bahnhof gestartet. Hier kamen Züge an, hier fuhren die LKW vorbei, die Kriegsgefangene, Militärinternierte, sogenannte Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter, sogenannte Westarbeiterinnen und Westarbeiter sowie KZ-Häftlinge nach Ludwigsfelde brachten.
Das Ostarbeiterlager am Dichterviertel, an dem wir eben vorbeigelaufen sind. Ein Wohngebiet.
Das angrenzende KZ-Außenlager – an dem wir danach vorbeiliefern – dort steht heute das Rathaus.
Das Lager Ostmark und das frühere Frauenlager, dass wir passierten, bevor wir ihn die Straße der Jugend einbogen – Stadtturnhalle und Einkaufszentrum.
Diese Lager sind beileibe nicht die einzigen in Ludwigsfelde und beileibe nicht die einzigen in der Region.
Wir sind also eben den Weg gelaufen, den tausende Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter jeden Tag zu den Werkbänken bei Daimler Benz gelaufen sind.
Auch von hier, dem Platz an dem wir stehen [vor der Freiwilligen Feuerwehr – Ostverbinder], liegt nur ein paar Minuten entfernt im Wald die Halle 24, in der ca. 1.000 Frauen im Keller eines Fabrikgebäudes untergebracht waren.
Und es gibt so viele weitere Orte: Auf dem ehemaligen Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeiter*innenfriedhof an der Autobahn, im Wald, am Westverbinder – liegen vermutlich Tote aus dieser Zeit. Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Tote, deren Namen niemand in Ludwigsfelde mehr kennt. Die aber von Menschen in irgendwo auf der Welt vermisst werden. Es sind Menschen, denen Würde zusteht. Die ihnen aber bis heute verweigert wird. Unter anderem weil bis heute keine Sondierung an dem Gelände vorgenommen wurde.
Ich habe es gesagt: Wir wissen in Ludwigsfelde, wie schnell es geht, einen Krieg zu beginnen. Aber wir wissen leider auch, wie schnell es geht einen Krieg und seine Opfer zu vergessen. Und das sehen wir nicht nur in Ludwigsfelde, das sehen wir auch in Europa. Denn wir haben wieder Krieg.
Im Dezember letzten Jahres durfte ich an einer Veranstaltung mit Anastasia Gulej teilnehmen. Hundert Jahre ist sie und dabei im Kopf so behände, wie man selbst es sich zu sein wünscht. Geboren 1925, überlebte sie den Holodomor, den Hungermord 1932/33 in der Ukraine. Als 17jährige verschleppten die Deutschen sie zur Zwangsarbeit nach Schlesien. Sie floh, wurde gefasst und nach Auschwitz deportiert. Nach der Räumung des Lagers kam sie nach Bergen-Belsen und überlebte nur knapp.
In ihrer Heimat Kyjiw in der sie heute lebt, fallen heute Bomben, weil das Putinregime die ukrainische Zivilbevölkerung mit einem erbarmungslosen Luftkrieg überzieht. Und es fällt schwer zu verstehen: Wie ist das möglich? Wie kann das sein, dass eine Frau, die die Lager überlebt hat, heute wieder um ihr Leben fürchten muss? In einem Keller sitzen muss? Gulej sagt lakonisch: „Ich habe Hitler überlebt, Stalin überlebt und dieses Arschloch Putin werde ich auch überleben!“ Ich wünsche es Frau Gulej sehr, dass Sie ihren 101. Geburtstag in Frieden feiern kann. Ich wünsche es allen, die heute – in der Ukraine, im Nahen Osten – in Israel, in Gaza, im Iran, im Sudan, im Kongo und den vielen vergessenen Kriegen leiden, dass sie ihren nächsten Geburtstag in Frieden feiern.
Ich will diese verschiedenen Kriege nicht mit einander gleichsetzen. Sie haben verschiedene Ursachen, andere Logiken, folgen andere Begründungen, haben verschiedene Intensitäten. Aber sie betreffen immer Menschen, die machtlos der Gewalt ausgesetzt sind.
Jede und jeder, der oder die sich damit beschäftigt hat, was hier in Ludwigsfelde geschehen ist und welches Leid von hier ausgegangen ist, bekommt eine Ahnung davon was Krieg bedeutet. Was Verschleppung, was Zwangsarbeit bedeutet. Denn die geht mit fast jedem Krieg in der ein oder anderen Form Krieg einher.
Wir können wissen: Wie gewissenlos die sind, die vom Krieg profitieren. Und wie stark die verrohen, die sich dem Krieg nicht verweigern. Die ihn gutheißen. Die ihn führen. Die mitmarschieren. Und wie wenige es gibt, die in unmenschlichen Zeiten, Mensch bleiben.
Mir bleibt ein Wunsch. Und ich wünsche mir von uns in Ludwigsfelde, dass wir den Frieden schätzen lernen. Den Krieg mit den Mitteln, die wir haben, ächten und bekämpfen. Aber, dass wir dabei nicht die Toten unter unseren Füßen vergessen und das Leid, was die Überlebenden und die Gestorbenen in unserer Stadt erfahren haben.
Deswegen mache ich etwas, was sich für eine Rede sonst nicht gehört. Ich möchte eine Einladung an Sie und an Euch aussprechen: Am 26. April werden wir in Gedenken an das Kriegsende und das Ende der Zwangsarbeit in Ludwigsfelde Berichte und Texte von Überlebenden der Lager in Ludwigsfelde und Genshagen auf dem Rathausplatz lesen. Um 14 Uhr.
Ich habe gesagt, dass ich mich sehr freue heute hier zu sein. Wegen Euch und wegen Ihnen. Und wenn ich Euch und wenn ich sie am 26. wiedersehe, würde dann freue ich mich noch mehr.
Vielen Dank.

